Es gab 1995 bis zum 23. Dezember 2003 eine Zeit, in der Latenight noch funktioniert. Mit stoischer Gelassenheit sendete Sat1 Tag für Tag die Harald Schmidt Show und auch wenn die Quoten nicht berauschend waren, so wurde weitergesendet und es bildete sich eine treue Fanbasis (inkl. mir). Über Harald Schmidt konnte ich mit meinen Freunden morgens in der Schule/Ausbildung reden und auch darüber, wie schön die Crew in die Sendung integriert wurde. Wenn Zerlett lustig sein musste und man ihm gewünscht hat, dass er einfach nur Musik machen darf hat man sich mehr Bildschirmzeit mit Suzanna Novinscak gewünscht.
Damals nannte die Bildzeitung Schmidt noch Dirty Harry und es gab die lustigsten Schmidtsprüche am nächsten Tag noch zum nachlesen. Ich habe mich also gefragt, warum Latenight in Deutschland seitdem quasi tot ist.
Schmidt war zu Glanzzeiten bösartig, sarkastisch, ironisch und intellektuell. Neben absolutem Fäkalhumor schaffte er es eine Pointe zu setzen, die ein abgeschlossenes Germanistikstudium voraussetzte nur um kurz danach wieder irgendwas total bescheuertes (im positiven Sinne) zu zeigen. Mittlerweile ist Schmidt zwar noch immer sehr lustig aber wenn man ehrlich ist, ist viel von der Bösheit verlorengegangen.
Eine zeitlang habe ich Oliver Pocher eine Latenight zugetraut aber irgendwie fehlt mir da neben der Boshaftigkeit einfach der Anspruch. Es gibt in Deutschland keine Jay Lenos oder Conan O'Briens oder Jon Stewarts - also Leute, die hochintelligente politische Statements in kleinen Zoten verpackt an das Publikum richten können.
Wobei ich da den Kabarettisten vielleicht unrecht tue. Ein Dieter Nuhr kann sowas, allerdings ist dieser mit seiner ruhigen Art schwer für diejenigen zu versehen, die abends zum Einlullen in die Sendung einschalten. Ich würde eine Mischung aus Günther Jauch und Volker Pispers mit einer Prise Raab bevorzugen. Sowas gibt's nur leider nicht. Am ehesten würde ich sowas noch Christoph Maria Herbst zutrauen.
Latenight funktioniert nur über Quote: Ein Privatsender kann sich eine Stunde Sendezeit mit miesen Quoten nur bedingt leisten. Wenn eine treue Fanbase immer die Sendung guckt, kann man zielgruppengerechte Werbung schalten. Dafür müsste sich nur eine treue Fanbase bilden.
Was bei den Programmplanern in Deutschland noch nicht angekommen zu sein scheint ist folgendes: Latenight ist TV zum Einschlafen. US-Latenight wird spätabends versendet um für die arbeitende Bevölkerung einen Tagesabschluss zu bilden. Jemand, der den ganzen Tag geackert hat, will politisch informiert sein, verpackt in Humor und letzten Endes noch ein wenig Promo für CDs oder neue Filme sehen. Zwischendurch muss ein aktueller Musikact laufen und währenddessen kann man als Zuschauer beruhigt einschlafen.
Okay, für die lahmarschige Art der deutschen Promis kann man nichts. Davon mal abgesehen gibt es wenige echt interessante und dabei auch noch wortgewandte deutsche Promis, die auch wirklich was zu sagen haben. Im TV werden immer wieder die gleichen Schnarchnasen interviewt und wenn man mal ehrlich ist, interessiert der deutsche Film im Kino auch keine Sau. Da haben es die Amis mit ihren DiCaprios oder Hanks' echt leichter. Diese Leute sind Interviews gewohnt, man kennt sich und dementsprechend ist die Stimmung locker und entspannt.
Einige Dinge sind so lustig, dass die sogar über den großen Teich schwappen. Jimmy Kimmel wollte immer Matt Damon in der Sendung haben. Als er dann da war, hat er richtig witzige Sachen gemacht. Das funktioniert nur, wenn ein gewisses Vertrauen zum Moderator da ist.
Latenight in Deutschland ist zwecklos. Solange nicht täglich um 23:00 Uhr ein intelligenter Kabarettist und Comedian das Tagesgeschehen in wohlportionierte Häppchen packt und die Standard-Gäste aller anderen Sendungen endlich mal zuhause bleiben, wird sich keine Engelke, kein Pocher, kein Schmidt, kein Raab und auch kein Nuhr vernünftig etablieren können.
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