2021 Musik machen mit Linux

2021 Musik machen mit Linux

Der Stand im Jahr 2021

Ich beschäftige mich auf trancefish.de ja schon sehr lange mit Linux als Hauptbetriebssystem für alle möglichen Aufgaben. Egal ob Browsing, Streaming, Gaming oder auch Office, Linux kann das mittlerweile alles mehr oder weniger ohne Probleme. Während es damals einfach nicht anders ging und man alles mögliche über das Terminal machen musste, ist die Wahl des Terminals heute eine bewusste Entscheidung, weil man sich dran gewöhnt und weil vieles über das Terminal einfach noch viel schneller geht.

Was noch immer doof ist

Linux ist, aufgrund mangelnder direkter Unterstützung durch die Hersteller, noch immer kein Gaming-Betriebssystem. Wine, Proton oder Playonlinux erlauben mittlerweile das Gaming unter Linux, aber wir reden noch immer von Windows-Spielen, die über eine Brücke unter Linux zum Laufen gebracht werden.

Das gleiche gilt für Spezialanwendungen wie Adobe Photoshop oder Cubase. Mit entsprechendem Aufwand kann man diese Programme sicherlich auch unter Linux starten, aber oft lohnt sich dieser Aufwand einfach nicht. Linux ist kein Windows und das will und soll es auch gar nicht sein, also muss man in den sauren Apfel beissen und versuchen, das beste draus zu machen.

Gnome, Xfce, KDE und so weiter sind völlig verschiedene grafische Oberflächen für dein Linux und manche Anwendung ist für KDE optimiert und sieht unter Gnome bekackt aus. Umgekehrt ist es dasselbe: Gnome-Applikationen haben unter KDE oft zu große, hässliche Buttons.

Distributionen und welche ICH hier benutze

Linux wird über sogenannte Distributionen vertrieben. Das heißt: Es gibt Firmen/Gruppen, die eine Sammlung von Programmen zusammenstellen, eine Installationsroutine und diverse Standardeinstellungen vorgeben und dies dann als ISO zum Download anbieten. Es steht Leuten frei, diese Distributionen zu verwenden oder sogar komplett neue Pakete zusammenzuschnüren und andere Versionen von vorhandenen Paketen zu verwenden und ihrerseits als Distribution zu verwenden.

Ich verwende hier Ubuntu, weil ich finde, dass diese Distribution am einfachsten zu benutzen ist und einfach den Job macht. Du kannst natürlich auch andere Distributionen wie Arch (Installation hier beschrieben) oder Debian verwenden.

Arch hat - im Gegensatz zu Ubuntu - den Vorteil, dass du in der Regel brandneue Versionen der Programme nutzen kannst. Also auch brandneue Treiber und Kernel. Ubuntu hingegen zeichnet sich durch eine etwas höhere Stabilität aus und letztendlich ist es genügsamer bei den Anforderungen an den Endbenutzer.

Linux für Musikproduktion vorbereiten

Linux kann out-of-the-box für Musikproduktion verwendet werden. Linux kann aber für die Musikproduktion noch optimiert werden. Ich schreibe dir hier nun, wie du das am besten hinbekommst. Zuerst installierst du dir einen Low-Latency-Kernel. Der Low-Latency-Kernel ist absolut kompatibel zum generischen Kernel, allerdings werden interne Realtime-Prozesse bevorzugt. Das kann dazu führen, dass dieser Realtime-Prozess dein ganzes System langsamer machen kann. In der Regel willst du aber ja, dass deine DAW die höchste Priorität genießt. Deshalb ist es nicht verkehrt, einen Lowlatency-Kernel zu installieren.


sudo apt install linux-lowlatency

Anschließend ist es notwendig, deinen User der Gruppe „audio“ zuzuordnen. Ersetze username hier durch deinen Linux Benutzernamen.


<span class="style-scope yt-formatted-string" dir="auto">sudo adduser <strong>username</strong> audio</span>

Als letztes fügst du folgende Zeilen ein.

In der Datei /etc/security/limits.d/audio.conf:


@audio - rtprio 99
@audio - memlock unlimited

Damit wird die Gruppe „audio“ in Echtzeitpriorität gewuppt und es wird sichergestellt, dass deine DAW maximalen Speicher erhält.

Sound: ASIO, CoreAudio, JACK

Die Windows-Welt setzt auf DirectX und ASIO. Auf dem Mac ist CoreAudio der Standard. Bei Linux wird Alsa in Kombination mit PulseAudio verwendet. Alsa ist eine Sammlung von Treibern, Pulseaudio ist ein Vermittler zwischen Tonausgabe und ALSA. Unter MS-DOS war’s zum Beispiel so, dass jedes Spiel explizit die Soundkarte unterstützen musste. Unter Windows hat das Betriebssystem den eigentlichen Treiber zur Verfügung gestellt und Directsound lenkte den „Tonbefehl“ auf den eigentlichen Treiber um.

Das Problem bei DirectX war: Es war natürlich nicht für superkurze Verzögerungszeiten ausgelegt. Dort kam der ASIO-Standard von Steinberg ins Spiel. ASIO ist ein Hybrid aus Treiber und Abstraktionsschicht. Es gibt ASIO-Treiber für bestimmte Soundkarten, allerdings können Projekte wie ASIO4ALL mit jeder Windows-kompatiblen Soundkarte benutzt werden und ermöglichen so wesentlich kürzere Latenzzeiten.

Bei Linux kam solch ein Standard erst ein wenig später. Unter Linux ist JACK vergleichbar mit dem ASIO-Standard. Jack hängt sich quasi vor den Pulseaudio-Server und versucht so, superkurze Latenzzeiten zu erreichen.

Jack und anderer Ton

Jack routet komplett alle Anfragen an den Ton um. Sobald der Jackserver läuft, hast du standardmässig tatsächlich nur noch in deiner Jack-Anwendung (DAW) Sound. Dein Browser ist stumm, Benachrichtigungstöne funktionieren nicht mehr und auch alles, was nicht direkt JACK kann, ist ohne Funktion. Es ist allerdings möglich, den Ton anderer Anwendungen auch durch Jack durchzuschleifen.

sudo apt install qjackctl pulseaudio-module-jack

Anschließend in qjackctl die Einstellungen, wie hier im Screenshot vornehmen. Anschließend hast du sowohl aus deiner DAW raus, als auch bei allen anderen Anwendungen weiter Sound.

pacmd set-default-sink jack_out
![Jack-Einstellung](https://trancefish.de/storage/uploads/jacksink.png)
Jack-Einstellung
## DAW

Früher gab es Rosegarden und Ardour für Linux. Dank Wine liefen dann auch einige der Windows-DAWs mehr oder weniger performant unter Linux. Letztendlich haben wir Linuxer heute die Qual der Wahl, denn auch wenn wir auf Logic, Cubase, FLStudio oder Ableton theoretisch verzichten müssten, weil sie entweder gar nicht oder nur mit Aufwand unter Linux laufen, gibt es Programme wie Bitwig, Renoise oder auch meinen Liebling Reaper, die native Linuxunterstützung bieten. Die Liste der DAWs für Linux ist mittlerweile wirklich stattlich, dabei gibt’s auch diverse Tools, von denen Mac- und Windowsbenutzer noch nie gehört haben.

![QTractor](https://trancefish.de/storage/uploads/qtractor.png)
QTractor
Hier nur mal eine kleine Übersicht von DAWs, die unter Linux problemlos laufen
  • Reaper - Die Macher von Winamp haben nach dem Verkauf eben dieses Winamps weiter Software entwickelt. Reaper ist eine vollwertige, extrem modulare und konfigurierbare DAW mit nahezu unendlichen Möglichkeiten. Dadurch, dass Reaper unfassbar viel kann, ist die Lernkurve eventuell ein wenig höher, aber dafür bekommst du ein sehr stabiles Audiosystem, das du auch unter Windows und auf dem Mac weiter nutzen kannst, falls du doch von Linux wieder weg möchtest. Preis: ca 60 Euro.
  • Renoise - Falls dir Programme wie Protracker etwas sagen, solltest du dir mal Renoise anschauen. Renoise ist ein sogenannter Tracker oder Rastersequencer, bei dem die Noten von oben nach unten eingegeben werden. Renoise läuft auch auf proprietären Betriebssystemen und kostet auch ungefähr 60 Euro.
  • Bitwig - Ein paar der Programmierer von Ableton gründeten eine eigene Firma und erschufen eine neuartige DAW, die für Ableton-Umsteiger tatsächlich ziemlich geil zu bedienen ist. Für 99 Euro gibt’s eine 16-Spur-Einsteigeredition.

Im Opensource-Bereich gibt es zum Beispiel Ardour. Auch hier gibt es immer wieder den Kritikpunkt, dass es ein wenig spröde von der Bedienung her ist. Dennoch ist Ardour ein extrem mächtiges Programm. Den Quelltext kannst du selbst kompilieren oder für den Preis eines Kaffees eine Binary kaufen.

![Ardour. Screenshot bei Gearnews gemacht](https://trancefish.de/storage/uploads/ardour-gearnews.jpg)
Ardour. Screenshot bei Gearnews gemacht
## Sounds und Samples

Hier nur ein kurzer Einstieg, wo du Samples herbekommst. Einerseits zum Beispiel bei Freesound oder bei Mugent. Auch lohnt es sich immer, nach Free Sound Fonts zu suchen. Dort gibt es hochqualitative Klaviere, Orchester, Drumsets und sonstiges. Einfach suchen. Du wirst fündig werden.

VST-Plugins

VST3 ist der aktuelle Standard für VST-Plugins. Die Version 3 des VST-SDK kann man ohne Probleme von GitHub ziehen und sofort Plugins programmieren. Bis inklusive Version 2 war das mit der Linux-Unterstützung durch Steinberg direkt so'ne stiefmütterliche Sache, aber mittlerweile gibt es wirklich sehr gute native Linux-VSTs, die ich hier gleich noch auflisten werde. Wir müssen uns aber nichts vormachen, die meisten richtig guten Plugins sind leider nur unter Windows verfügbar. Bei VST3 kommt auch noch dazu, dass viele etablierte Plugins eben nicht in VST3-Versionen vorliegen und daher oft nur gut unter Windows laufen.

Wie du Windows- VST-Plugins unter Linux benutzt, habe ich hier beschrieben.

Hilfreiche weitere Links zum Thema

Yabridge, renoise, reaper, VST in Linux, Dicke fette VST-Liste, LV2, Ubuntu im Tonstudio,

Photo by Soundtrap on Unsplash


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Tags: linux vst ubuntu realtime
Kategorie: Linux
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