Oldschool-Nerds vs Fachkräftemangel

Oldschool-Nerds vs Fachkräftemangel

Ich hatte Glück. Ich lebte genau in der Epoche, die „Ready Player One“, mein Lieblingsbuch/Film glorifiziert. Ich bin ein Kind der 80er und 90er Jahre und bediente meinen 64er und meinen 500er. Ich war live dabei, als Computer zu „Massenware“ wurden und ich habe meine Lehrer in der Schule mit einfachsten BASIC-Programmen massiv beeindruckt.

Die Überschrift lautet aber ja: „Oldschool-Nerds vs. Fachkraftmangel" und lustigerweise sehe ich bei diesen beiden Bereichen einen direkten Zusammenhang. Wir müssen ehrlich sein: Die Computernerds von früher haben einen ganz anderen Zugang zu Computersystemen, als die Nerds von heute. Es sind gigantische Unterschiede zu beobachten bei Fachleuten von heute und Fachleuten von früher.

Adventure
Adventure vom Atari 2600

Die Typen, die noch viel Fantasie benötigten, um hier einen Drachen oder einen Panzer zu erkennen, sind diejenigen, die anhand komplizierter Befehle einem Computer ihren Willen aufgezwungen haben. Computer aus der Zeit, die „Ready Player One“ so sehr liebt, waren zickige Dinger. Der Startbildschirm von einem C64 löst bei mir wohlige Gänsehaut aus. Bei jüngeren Männern und Frauen kommt durchaus die Äußerung, dass hier ein „Bluescreen“ aufgetaucht ist. 

Der Startbildschirm wird aber eben mit BASIC gesteuert und man musste Befehle wie:

LOAD "$",8

eingeben, damit der Computer sich mit dem Diskettenlaufwerk verbindet, um das Inhaltsverzeichnis des Datenträgers zu laden. Anschließend gab man auf dem C64 den Befehl

LIST

ein und bekam den Inhalt der Diskette aufgeführt. Mit den Cursor-Tasten sprang man nun auf die entsprechende Zeile des Verzeichnisses und wählte dann

LOAD "GIANA SISTERS +1 / IKARI",8,1:

aus.

Nachdem man das gemacht hatte und die Ladezeit vergangen war, startete man das Programm durch die Eingabe von

RUN

Nach heutigen Maßstäben ist das unfassbar kompliziert und nach heutigen Maßstäben versteht das auch keiner mehr. Beim Amiga reichte es schon, einfach nur eine Diskette einzulegen und zu warten. Aber auch hier musste man eventuell die Workbench öffnen. Programme wurden dann mit der Maus gestartet. Ohne Diskette machte ein Amiga aber grundsätzlich erstmal gar nichts.

Falls die Workbench nicht gestartet wurde und es auch keinen automatischen Start des Spiels oder so gab, musste man auch auf dem Amiga entsprechende Shell-Befehle kennen, um das Spiel bzw. die Anwendung zu starten.

Als ich Anfang der 90er vom Amiga zum PC wechselte, war das einzige Betriebssystem für Endbenutzer „MS-DOS“ von Microsoft. Klar, es gab auch „OS/2“ oder sogar erste Linuxe, aber als Raubkopierer, der ich damals nun mal war, war DOS die einzige Möglichkeit, Games zu spielen. Auch hier musste man sich etwas intensiver mit dem PC beschäftigen. Meldungen wie „NO EMS-MEMORY AVAILABLE“ oder „NOT ENOUGH MEM“ waren an der Tagesordnung. So mussten sich bereits 12-jährigen mit Themen wie Protected Mode, EMS und XMS befassen. Scheisse, wir hatten Wettbewerbe, wer mit MEMMAKER den meisten konventionellen Arbeitsspeicher rausholen konnte.

Und selbst, wenn unser Spiel dann doch gestartet werden konnte, so hatten die PC-User von damals noch mit der Einrichtung vom Soundkartentreiber und sogar mit so Dingen wie IRQ, Port und DMA zu kämpfen. Zu meiner Zeit konnte es einen riesigen Unterschied machen, ob ein CD-ROM-Treiber geladen war oder nicht. Ich hatte ungefähr 10 verschiedene CONFIG.SYS-Dateien und gleich viele AUTOEXEC.BAT auf dem Rechner, um für jedes Game, jede Demo und jede Windows 3.11-Session vorbereitet zu sein. Ich „kannte“ meinen Rechner. Ich wusste, wie ich meine alte Grafikkarte dazu kriege, den „SVGA“-Modus zu unterstützen.

Heute ist das alles anders: Ein Doppelklick auf ein schnödes Icon reicht aus. RAM-Einstellungen sind heute Geschichte, denn die meisten PCs haben genug RAM. Falls die Anwendung nicht läuft, sagt sie dir oft, warum sie nicht läuft. Falls nicht.... Dann kommen die Nerds von früher, die wissen, dass man auch Windows-Programme in einer Konsole („cmd“) ausführen kann. 

Genau HIER steige ich jetzt ein: Die abgefahrendsten Nerds, die sich heute in Firmen vorstellen, sind alle in einer Ära geboren worden, als Windows XP schon als alt bezeichnet werden konnte. Die Typen, die sich heute in IT-Firmen bewerben, kennen MS-DOS oft gar nicht mehr. Wenn in der Ausbildung/Schule von Netzwerkprotokollen gesprochen wird, gibt es nur noch TCP/IP. Ich habe noch Novell-Netze konfiguriert und ich hatte auch noch LAN-Parties, bei denen wir mit Endwiderständen Koax-Kabel abgedichtet haben.

Wenn man heute bei Schülern nachfragt, was die beruflich machen wollen, kommt die Antwort: „Irgendwas mit IT“ und wenn man dann fragt, welche Erfahrungen diese Jungs/Mädels so haben, kommt „Ich kann Windows“ oder sogar: „Ich bin gut bei Apps“

Das ist meiner Meinung nach besorgniserregend. Das Usenet war früher eine Ansammlung von Mailboxen, die sich miteinander verbunden haben. Das Usenet für die Kids heute ist ein Anbieter aus den Niederlanden, bei dem man mit High-Speed irgendwelche Raubkopien herunterladen kann. 

Worauf will ich eigentlich hinaus? Ich habe keine Ahnung. Ich finde das alles irgendwie seltsam beunruhigend.


Autor: Marcel Schindler
Datum: 02.01.2020
Tags: coder jobs it 80er c64
Kategorie: IT