Unsere Kultur und unsere Musik sterben wegen der Coronakrise

Corona und Kulturszene

Die Coronakrise 2020 hat viele von uns knallhart erwischt. Menschen stehen vor den Ruinen ihrer beruflichen Existenz. Wir lernten alle, wie gesegnet wir sind, weil wir bisher ein funktionierendes Schul- und KiTa-System hatten. In Deutschland haben wir sehr viele Freiheiten und können im Gegensatz zu anderen Ländern uns überall frei bewegen.

Unser Gesundheitssystem ist eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Wir haben einen extrem hohen Lebensstandard und trotz allem sind unsere Grundbedürfnisse gedeckt. Wir verhungern nicht. Wir können unter Berücksichtigung der Abstandsregeln weiter unsere Freunde treffen und die oft gescholtene Netzabdeckung in Deutschland ist auch nicht mehr ganz so dramatisch, wie man früher dachte.

Uns geht es gut. Das sollte man wirklich auch mal feiern. Aber genau hier wird es schwierig: Feiern ist genau das, was nicht mehr geht. Wir sind weiterhin satt. Wir sind theoretisch in der Lage, unseren Kindern Bildung zu geben. Wir sind in unseren sozialen Strukturen eingeschränkt, aber alles ist kleiner und ruhiger geworden.

Unsere Kultur und unsere Kunst geht den Bach hinunter. Musik hat gerade meine Generation vereint. Wir hatten die Loveparade, wir hatten die Gründungsjahre von Defqon 1 und Tomorrowland und meine Generation ist die Generation der Großraumdiskotheken. Wir haben die Eröffnungen der größten Clubs der Welt mitbekommen: Fun Factory, Twister Dance, Mark4, Index, ZAK, Bridge, Kontrast Marzahn und so weiter und so weiter. Und wir haben auch gesehen, dass überall kleine Clubs aufgemacht haben. Underground-Technoläden in Berlin, in klein Oldenburg und überall. Wir haben Parties gemacht, wir haben selbst Mini bis Medium-Raves aufgezogen.

In dieser Generation war es so, dass Musik uns definiert hat. Im Gegensatz zu früheren Generationen wurde dies aber auch endlich akzeptiert. Während Woodstock damals bei den Eltern für Schrecken gesorgt hat, haben wir normalerweise Unterstützung durch unsere Eltern erfahren.

Klar gab es dann das große Clubsterben. Weggehen war in Zeiten von Social Media, Tinder und überall verfügbarer Musik nicht mehr unbedingt notwendig. Aber die Festivalsaison wurde für unsere Teenager immer wichtiger. Festivals wie Tomorrowland oder Defqon wurden immer größer und größer. EDM war im Focus der Gesellschaft angekommen und selbst bei Jahrmarktsumzügen wurde mittlerweile geraved.

Das alles haben wir im Moment nicht mehr. Wir haben keine offenen Clubs mehr. Wir haben nicht einmal mehr Bars. Unsere Kulturszene schläft. Kellerkonzerte mit Indie-Bands? Fehlanzeige. Konzerte? Fallen aus.

Ich habe im November Karten für die Ärzte in Hamburg. Da man als Fan der Band weiß, dass Farin ein ziemlicher Hypochonder ist, gehe ich davon aus, dass das Konzert ins Wasser fällt. Ich hoffe natürlich, dass es nicht so ist.

Normalerweise ist über „Christi Himmelfahrt“ hier bei uns in Rastede das Mittelalterliche Spektakulum Festival. Dort dürfen wir als Männer dreckig und unrasiert Ritter spielen und Met aus Hörnern saufen. Währenddessen genießen wir die Musik von Bands wie Saltatio Mortis, Knasterbart oder auch Versengold. Wir schauen Gauklern zu und zahlen unsere Spannertaler, weil wir Leuten beim Baden beobachten. Auch das ist nicht mehr da.

Meine Lieblingsdiskothek, das mark4 hat vor ein paar Wochen diesen Beitrag geteilt:

Die Discothek mark4, mit sonst so lebhaften Räumlichkeiten, steht still und dabei fing das Jahr so gut an. Die beiden Unternehmer, Jeannette Wilkenjohanns und Jens Marx haben den langjährigen Generationsbetrieb zu einer erfolgreichen Eventlocation ausgeweitet. Der Kalender 2020/21 für Vermietungen der Diskothek und des Scooter Clubs, für Betriebsfeiern, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern, Abschlussbällen diverser Schulen und der monatlichen stattfindenden Birthday Partys war prall gefüllt. Letztes Jahr wurde gross investiert in ein Finanzkonformes Kassensystem, in einer weiteren Eventbar und dem neuen SNACK CITY Foodservice. Das sind grosse Investitionen die im Laufe der kommenden Jahre zurück verdient werden sollten. 𝗗𝗼𝗰𝗵 𝗱𝗮𝗻𝗻 𝗸𝗮𝗺 𝗖𝗢𝗥𝗢𝗡𝗔, 𝘄𝗮𝘀 𝗻𝘂𝗻? Von 100 auf 0 kein Umsatz, aber die Betriebskosten laufen natürlich weiter. Dazu kommt Kurzarbeit, und viele langjährige Minijobber verlieren ihren geliebten Nebenjob. Die Soforthilfe, die wir Anfang April für 3 Monate bekommen haben war nur ein Tropfen auf dem heissen Stein. Der grosse Lagerbestand an Getränken und Snacks wurde inzwischen schon, wegen dem bevorstehenden Mindesthaltbarkeitsdatum verkauft, weil Veranstalltungen zu diesem Zeitpunkt bis 31. August untersagt sind. Es sei noch gesagt: Wir als Discothek und Eventgastronomie, oder andere in unsere Branche wie z. B. Clubs, Bars, Saalbetriebe und Schausteller werden die Letzten sein die öffnen dürfen. Beim Beschluss der Bundesregierung für die Steuersenkung von 19 auf 7 Prozent wird vergessen, das diese nur auf Speisen gilt, und nicht auf Getränke. In den oben genannten Branchen machen aber die Getränke 70 Prozent des Umsatzes aus. Daher fordern wir auch 7 Prozent auf Getränke und eine klare Linie der Bundesregierung wann die Branche wieder öffnen darf, unter welchen Vorraussetzungen und wie es mit weiteren Soforthilfen steht, im Falle das wir dieses Jahr überhaupt nicht mehr öffnen können. Wie wurde noch so schön von unserem Finanzminister gesagt? 𝗪𝗶𝗿 𝗸𝗹𝗲𝗰𝗸𝗲𝗿𝗻 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 - 𝗪𝗶𝗿 𝗸𝗹𝗼𝘁𝘇𝗲𝗻! Bloß was ist mit unserer Branche? Nirgends werden wir in irgendeiner Art und Weise erwähnt! Wir schauen zur Zeit Perspektivlos in die Zukunft! Für viele Besucher war und ist der Club- und Discothekenbesuch eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen am Wochenende. Das soll auch so bleiben! Sonst würde ein wichtiges Kulturgut verloren gehen. 𝗪𝗶𝗿 𝗯𝗿𝗮𝘂𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗲𝘂𝗿𝗲 𝗨𝗻𝘁𝗲𝗿𝘀𝘁𝘂̈𝘁𝘇𝘂𝗻𝗴! 𝗕𝗶𝘁𝘁𝗲 𝘁𝗲𝗶𝗹𝘁 𝘂𝗻𝘀𝗲𝗿𝗲𝗻 𝗕𝗲𝗶𝘁𝗿𝗮𝗴 𝗺𝗶𝘁 𝘂𝗻𝘀𝗲𝗿𝗲𝗻 𝗔𝗻𝗹𝗶𝗲𝗴𝗲𝗻! 𝗩𝗶𝗲𝗹𝗲𝗻 𝗗𝗮𝗻𝗸!

Wir sind Zeuge dessen, dass unsere Musikkultur komplett den Bach runtergeht.

Was tun wir dagegen?

Es gibt nichts, was wir direkt dagegen tun können. Wir sind nicht in der Lage, ein Heilmittel oder sogar einen Impfstoff gegen Corona zu finden. Wir können uns darüber in sozialen Netzwerken oder auch im Blog darüber aufregen. Wir können Youtube-Videos über Raves und Parties gucken. Wir können sogar per Paypal unsere Lieblingskünstler unterstützen aber wir selbst werden keinen Rave besuchen können.

Es gibt aktuell nur die Möglichkeit, sich soweit wie möglich von anderen Menschen fernzuhalten: Das Virus läuft dann trocken und stirbt aus, weil es niemanden mehr infizieren kann. Wie gut das funktioniert hat, haben wir die letzten Monate doch gesehen. Der Infizierungsfaktor ging innerhalb weniger Tage auf unter 1 hinunter: Jeder hat weniger als einen einzigen Menschen angesteckt.

Wenn jeder auf der Welt das durchgezogen hätte, wäre dem Virus die Nahrungsgrundlage entzogen worden und wir hätten spätestens in 1-4 Monaten wieder Normalität gehabt. Stattdessen machen einige Länder eine Rolle Rückwärts und erlauben quasi wieder alles. Das heißt: Die Maßnahmen von jetzt sind alle völlig umsonst gewesen und unsere Kulturszene wird wieder weitere Monate, wenn nicht sogar Jahre wieder in einen vollständigen Dornröschenschlaf geschickt.

Das gilt auch für die Corona-Demonstranten, die verständlicherweise wieder Feiern gehen wollen, ihren Friseur besuchen und sonstwas. Alles das, was über unsere Grundbedürfnisse, wie Schlafen und Essen hinaus geht, zeichnet uns als Mensch aus. Wir brauchen das alles, aber wir müssen uns in Geduld üben.

Wenn wir das gemeinsam hinkriegen, kriegen wir alles hin.

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Kategorie: Politik