Warum es fatal ist auf Klarnamen zu bestehen

Warum es fatal ist auf Klarnamen zu bestehen

Unser aller Lieblingspartei, die CDU, wühlt mal wieder in der Kiste sinnloser Anfragen herum und schlägt vor, dass wir alle doch bitte Klarnamen benutzen mögen. Annegret Kramp-Karrenbauer ist nicht nur mit einem Klarnamen gesegnet, den wir alle abkürzen, weil wir ihn nicht aussprechen wollen. AKK will "wissen, wer hinter diesen Kommentaren steckt". Die Politikerin glaubt, dass eine De-Anonymisierung eine bessere Diskussionskultur fördert und sie glaubt, dass die Menschen ohne Pseudonym ja nicht mehr Hetze und Häme verbreiten würden. Jeder, der Ende der 80er Jahre und Anfang der 90er Jahre im Usenet und auf Mailboxen unterwegs war, weiß das Gegenteil. Wir hatten in unseren Newsgruppen strenge Netiquetten und auch wir haben diese Netiquetten weitestgehend "interpretiert", was hier tatsächlich als "ignoriert" zu verstehen ist. Die Kernfrage ist ja auch, ab wann man beleidigt und ab wann man sich beleidigt fühlt. Oft genug wurde gerade in Linux-Usergruppen nach einer Funktion gefragt und derjenige verbal hingerichtet, weil er vorher nicht die entsprechende manpage gelesen hat. RTFM kommt ja nicht von ungefähr.

Daher ist es wichtig, zu wissen, wofür diese Pseudonyme gut sind. Gerade DJs und Künstler aus der elektronischen Tanzmusik arbeiten mit Künstlernamen. Westbam, Daft Punk, Dune, Deadmau5 und Special D sind nur einige Namen, von denen man die "Realnamen" vielleicht gar nicht unbedingt weiß. Oft werden verschiedene Genres auch mit verschiedenen "Nicknames" ausgetestet. So hat ATB (André Tanneberger) unter dem Handle SQ1 durchaus härtere Sachen produziert.

Künstler nutzen Nicknames allgemein ziemlich häufig: Klebekünstlerin Barbara zum Beispiel könnte ihre politischen Statements gar nicht veröffentlichen, wenn jemand wüsste, wer sie ist. Ähnlich verhält es sich mit Banksy, von dem auch keiner sicher weiss, wer er oder sie ist. Die Anonymität dieser Menschen ist Teil ihrer Kunst und die Anonymität dieser Menschen stellt sicher, dass sie mehr oder weniger frei agieren können.

Die meisten Foren arbeiten mit Nicknames. Die meisten Webforen sind absichtlich relativ anonym gehalten. Wenn Du beispielsweise einen Ausschlag an einer peinlichen Stelle hast und einfach nur mal fragen willst, was das ist, willst du natürlich nicht sofort "entdeckt" werden. Medizinische Fragen mit völlig fremden Menschen zu diskutieren ist einerseits natürlich fatal, weil die Anonymität dieser Menschen dir ja auch nicht garantiert, dass sie dir keinen Murks erzählen. Andererseits hat es mir damals, vor der Vasektomie, geholfen, mich über diesen Eingriff zu erkundigen.

Im Netz kannst und darfst du jemand sein, der du im wirklichen Leben nicht bist. Oder du kannst aufgrund deines Pseudonyms zu jemandem werden, der du immer sein wolltest. Als ich mich mal mit einigen Bloggern, die als #Lifestyleblogger bekannt waren, getroffen habe, war ich erstaunt, wie wenig diese Menschen im echten Leben mit Worten umgehen konnten. Das Blog und das Autor-Dasein gibt diesen Leuten Sicherheit. Sowieso: Running Man mit Arnold Schwarzenegger wurde unter dem Pseudonym Richard Bachman geschrieben. Das Buch stammt nämlich von Stephen King, der wiederum als Science-Fiction-Autor nicht unbedingt einen großen Namen hatte.

Fatal ist es sowieso, wenn du irgendwie "anders" bist. Wenn du nicht der Norm einer AKK entsprichst und eine lesbische Frau in einem 1000-Seelendorf bist, hast Du verkackt. Denn wie und ob überhaupt Du ein Coming Out machst, ist allein deine Sache. Als Homosexuelle oder gar Transsexuelle wächst Du ständig mit dem schlechten Gewissen auf, etwas falsches zu tun. Wenn du wenigstens im Netz deine Anonymität ausleben kannst, ist die Anonymität deine echte Persönlichkeit und das "Reallife" die Maske, hinter der Du dich verstecken musst.

Wie oft demonstrieren wir? Ich habe bisher nur wenige Demos mitgemacht und die meisten Themen waren extrem lokalpolitisch, denn ich halte nicht wirklich viel von Demonstrationen. Ich bin eher der Meinung, dass man durch Wahlen und vor allem Abwahlen bestimmter Menschen mehr erreicht, als durch die Tätigkeit, auf Straßen zu laufen. Aber es wäre für mich ein Albtraum, wenn jeder sofort wüsste, wogegen oder wofür ich demonstriere.

(Bildquelle)

Datum: 12.06.2019 Autor: Marcel Schindler

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