Weiss ist Normal und da liegt der Fehler

Ich bin 1978 in einer mittelgroßen Stadt in Deutschland geboren. Ich habe eine helle Haut, meine Eltern haben eine helle Haut und ich bin das, was man einen „deutschen Staatsbürger“ nennt. Wenn ich irgendwo etwas möchte, ein Darlehen, einen Mietvertrag oder einfach nur mal kurz meinen Rucksatz an der Kasse ablegen möchte, weil ich was vergessen habe, dann fragt da keiner groß nach. Wenn ich gefragt werde, wo ich her komme, dann reicht die Auskunft: „Oldenburg“. Ich muss nicht auf „woher kommst du ursprünglich?“ antworten. „Oldenburg“ reicht. Normalerweise will auch keiner wissen, wo meine Eltern herkommen. Da ist klar, dass es Deutschland ist. Das würde mich auch tierisch nerven, wenn ich meine ganze Ahnenreihe aufzählen müsste.

Im Kindergarten gab's nen Buntstift mit der Bezeichnung: "Hautfarbe". Dieser Stift war zartrosa. "Skin Color" heißt die Farbe übrigens auch in Kindergärten in Queens oder Compton.

In der Schule habe ich Bücher von Günther Grass, Robert Louis Stevenson und Max Frisch gelesen. Ich habe keine Bücher von Octavia Fleele gelesen, obwohl Horror eigentlich mein Genre ist. Ich habe auch nie Tanarive Due gelesen. Ich wette, dass die meisten meiner Mitleser diese Sachen auch nie gelesen haben. So schaurig es ist, in meiner Welt habe ich nie darüber nachgedacht, dass es farbige Horror-Autoren gibt. Das weiß ich erst, seitdem ich diesen Artikel schreibe.

Ich bin nicht nur schneeweiß. Ich bin relativ unauffällig. In einer Menschenmenge falle ich nicht besonders auf. Über mich sagen meine damaligen Mitschüler, dass ich viel Musik gemacht habe und immer einfach nur der lustige Typ war. Im Berufsleben falle ich durch meine Fachkenntnis auf. In den Clubs war ich komplett unsichtbar, außer ich war der DJ oder ich schoss Fotos und/oder Videos. Am Türsteher ging ich so vorbei, ich wurde natürlich nicht gefilzt. Mein Kumpel Mehmet wurde ständig gefilzt. Das ist mir damals nie so richtig aufgefallen.

Ich lebe in einer Gesellschaft, in der weiß die Norm ist. Alles, was die Norm ist, fällt den Normalen gar nicht auf. Normal heißt hier: Weiß, hetero und unauffällig. Wer Homosexuell ist oder blaue Haare hat, ist nicht normal und wird damit besonders beachtet. Mir ist das weißsein bisher einfach nie aufgefallen, weil ich einfach nie darüber nachdenken musste. Ich lebe ja einfach mein weißes Heteroleben und muss mich niemandem erklären.

Das krasse ist, dass selbst Hilfsorganisationen mit Rassismus spielen. Auf Hilfsplakaten für Kinder ist IMMER ein dunkelhäutiges Kind abgebildet. Niemals ein weißes Kind. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es unvorstellbar ist, dass ein weißes Kind unter Hunger leidet. (Vermutlich tut’s das auch, aber würde da irgendwer spenden? Das klappt mit PoC-Kindern einfach viel besser)

Mir und allen anderen Weißen muss klar sein, dass wir priviligiert sind. Ich kann als Mann nicht nachvollziehen, wie es ist Schwanger zu sein. Ich kann als Weißer nicht nachvollziehen, wie es ist, schwarz zu sein. Mir muss immer wieder klar sein, dass ich bestimmte Dinge nicht so sagen darf, weil es tatsächlich rassistisch ist.

Was können wir tun? Zum einen natürlich die üblichen Phrasen abschießen, die man sonst so bringt: „Alle Menschen sind gleich“ ist eine extrem bescheuerte Phrase. Natürlich sind alle Menschen gleich, aber wir sehen unterschiedlich aus. Wir haben Unterschiede. Die Tatsache, dass wir unterschiedlich aussehen, müssen wir akzeptieren. Die alleinige Tatsache, dass ich weiß in einer weißen Welt bin ist ein Punkt, dessen Wahrnehmung wir gerade rücken müssen. Die Welt muss aufhören, weiß zu denken. Ich kann auch nicht erklären, wie das funktionieren soll. Das weiße darf nicht mehr Normal sein. Das bunt muss normal sein. Wir müssen feiern, dass es viele Menschen in vielen lustigen Ausführungen gibt. Wir müssen unsere Unterschiede genießen und neugierig sein dürfen. Und ja, dieser Weg ist weit. Und nein, ich habe auch keine Ahnung, wie man es besser machen kann, aber ich will es zumindest irgendwie versuchen.

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Kategorie: Politik