Ist Spotify wirklich schlecht fuer die Musiker - Analyse anhand meines Konsumverhaltens

Ist Spotify wirklich schlecht fuer die Musiker - Analyse anhand meines Konsumverhaltens

Ich, der jugendliche Kunde

Musik begleitet mich mein Leben lang. Ich bin in keinem Haushalt aufgewachsen, bei dem kreativ viel Musik selbst gemacht wurde, aber es lief ständig Musik und tatsächlich legte insbesondere mein Vater immer Wert darauf, dass die Musik einen ordentlichen Klang hatte. Daher würde ich mich selbst als Musikliebhaber bezeichnen. Musik war immer da und meine Eltern waren damals noch Kritiker meiner Musik. Heute zeige ich denen meine Sachen nicht mehr. Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass ich immer und überall Musik konsumiert und genossen habe.

Als ich 8 Jahre alt war, schenkten meine Eltern mir eine einfache Kompaktanlage, die neben 2 Tapedecks auch noch einen guten Plattenspieler hatte. Die Anlage an sich war nichts besonderes, eine typische kleine Anlage von Schneider, aber ich habe es geliebt, auf dem Ding Schallplatten abzuspielen. Ich habe viele der alten Platten meiner Eltern geklaut übernommen und mehr oder weniger mein ganzes Geld für Schallplatten und Kassetten im örtlichen Horten-Kaufhaus ausgegeben. Musik war mir immer superwichtig und teilweise habe ich diese mittlerweile fast 35 Jahre alten Platten noch immer.

Mein erster CD-Player war einer von Sony, den mittlerweile meine Eltern haben. Zu diesem CD-Player bekam ich seinerzeit noch die CDs „Use your Illusion I+II“ von Guns'n'Roses und „Serenity“ von Culture Beat. Das war ca. 1993 und seitdem habe ich Vinyle nicht mehr gekauft, sondern mir eine recht ansehnliche CD-Kollektion gekauft. Maxi-CDs und Technosampler waren die Investition meines Taschengeldes. Natürlich auch in häufiger Regelmässigkeit die gute alte Bravo Hits.

MP3 und Tauschbörsen

1995 oder vielleicht sogar früher kam ich mit MP3-Dateien in Kontakt. Ich glaube, es war auf einer LAN-Party, wo mir „Last Train to Trancentral“ von the KLF als MP3 über ein gutes, altes Ringnetzwerk geschickt wurde. Ich war erstaunt, wie gut so eine verhältnismässig kleine Datei klingen konnte. Meine 400 MB-Platte war dann voll mit irgendwelche MP3-Dateien und ich habe ziemlich schnell herausgefunden, wie CD-Ripper-Software funktioniert und so meine CD-Sammlung archiviert. Und die MP3s meinen Freunden auf LAN-Partys gegeben. Zumindest hier hat die Musikindustrie dann nicht mehr wirklich an mir verdient.

1999 war das Jahr, in dem ich mir ein 56k-Modem geholt habe. Das Modem war arschlangsam, aber dank dem frisch gegründeten Napster konnte ich mir 1-4 Lieder am Tag einfach so herunterladen. Ich habe Napster, Limewire, Edonkey, Bittorrent und dann entsprechende Webseiten, die kostenlose MP3-Files höchst illegal angeboten haben, abgegrast. Ich war so tief in der Szene, dass ich zig FTP-Adressen im Kopf hatte (ja, IP-Adressen), wo man sich alle möglichen Songs einfach so herunterladen konnte.

Back to Vinyl

5-6 Jahre habe ich alles mögliche an Musik nicht mehr gekauft. Und das, obwohl ich ausgelernt war und mittlerweile mehr als nur ein Taschengeld hatte, um mir Platten oder CDs zu kaufen. Das war alles so einfach und hat einfach super funktioniert. Anfang der 2000er Jahre erlernte ich aber auch das gute, alte DJ-Handwerk und MP3s konnte man zu der Zeit noch nicht auflegen, in den Diskotheken standen nur Plattenspieler mit Direktantrieb. Also wurde ich wieder ein kaufender Konsument. Ich habe meine Plattensammlung zwar mittlerweile aufgelöst, aber ich besitze noch immer an die 100 Vinyl-Schallplatten. Jede von denen hat ungefähr 8-10 Euro gekostet und ich habe die alle neu gekauft. Okay, gelegentlich wurde ich auch bemustert, aber ich war wieder ein zahlender Kunde. 2009 war's dann aber auch wieder mit meiner DJ-Karriere und wirklich gekauft habe ich dann auch nicht mehr.

Auftritt Deezer / Spotify

Ich begann Musik bei Youtube zu hören. Parallel zu Youtube erschienen natürlich auch die ganzen Youtube-Ripper und Addons für den Browser, um die Videos herunter zu laden. Da ich mich wegen meiner Musik ja eh schon mit Media-Konvertierung befasst hatte, konnte ich natürlich problemlos Musikvideos in MP3-Dateien umwandeln. Aber tatsächlich ergab ich irgendwann die Möglichkeit, für ein paar Euro mal Deezer anzutesten. Da war's vorbei. Musikstreaming wurde mein Ding. Aufgrund des günstigeren Familientarifs sind wir mittlerweile alle zu Spotify gewechselt, aber dafür hören meine Frau, meine Kinder und ich allesamt legal Musik. Ich aktuell beim Schreiben dieses Blogs auch. Ich höre noch weiter IMMER und JEDERZEIT Musik.

Ist Spotify jetzt eine Ausbeutung der Musiker?

Eigenvertrieb? Mit CDs verdient man doch bestimmt viel besser?!

Spotify zahlt pro Stream 0.00437 US$. Bei einer Million Streams verdienst du also ungefähr 4000 US$. Das klingt nicht viel? Vermutlich nicht. Aber die Kosten, um einen Song bei Spotify reinzubringen, sind sicherlich billiger, als die Produktion von einer großen Charge CDs. Bei 10000 CDs gibst du schnell auch mal 2000 Euro aus. Und bei den 10000 CDs ist die gesamte Vertriebskette gar nicht dabei. Die Vermarktung und insbesondere auch den Verkauf in den Läden musst du auch noch bezahlen. Letztendlich sind diese Kosten für eine aufstrebende Band gar nicht zu reissen. Daher brauchst du für klassische CD-Vermarktung zwingenderweise ein Label, was das Risiko aufnimmt, deine Track zu veröffentlichen und zu verteilen.

Und wie ich schon sagte: Nur noch Liebhaber kaufen überhaupt noch CDs.

Aber wieso heißt es dann, dass Spotify schlecht für die Künstler ist?

Das Geschäftsmodell von Spotify ist, dass jeder Kunde jeden Song der Welt jederzeit hören darf. Da Spotify die Rechte dieser Songs kaufen muss, gibt es komplexe Deals mit allen möglichen Plattenfirmen. Das heißt, die Plattenfirmen erlauben Spotify gegen Lizenzkosten, dass ein Song gestreamt werden darf. Eine große Plattenfirma kassiert von den 0,00437 Dollar pro Stream selbst noch einen Anteil ein, weil die Musikindustrie sich ja noch immer als dein „Mentor“ sieht und deine Sachen vertreibt. Was an dieser Stelle ja fast gelogen ist, denn den Vertrieb macht eigentlich Spotify. Die Kosten für der Server/App-Entwicklung und das Streaming selbst liegen weiterhin bei Spotify. Dennoch kassieren die Labels von deinen Streaming-EInnahmen noch Geld ab. Gerade bei kleinen Labels kommt dann bei einem Künstler vielleicht gar nicht mehr so viel an. Aber letztendlich ist das etwas, was ihr als aufstrebende Künstler mit eurem Label besprechen müsst.

Eigenvertrieb?

Das Ding ist: Wenn Du Songwriter, Producer und sogar Distributor bist, kriegst du tatsächlich alle Einnahmen direkt und verdienst im Idealfall sogar mehr, als du vermutet hättest. Wichtig ist, dass dir einen Labelcode besorgst, damit die Sachen auch Airplay kriegen dürfen, beispielsweise im Radio. Noch nicht getestet, aber sinnvoll scheint mir dieses Angebot hier zu sein. Vermarkten bei Spotify, Prime, Youtube und so weiter kannst du deinen Song über Services wie Tunecore, CDBaby, Feiyr oder imusician. Ich selbst teste gerade RouteNote. Bewertungen zu solchen Portalen solltest Du lieber nirgends lesen. Es scheint so zu sein, dass alle irgendwie okay sind, aber oft sind Künstler offenbar enttäuscht, dass es mit der Musikkarriere nicht so läuft. Und daran soll dann der Distributor schuld sein.

Wichtig ist, dass du deine Werke bei der GEMA anmeldest. Immer und jederzeit, weil die GEMA auch darauf achtet, dass Du Geld kriegst, wenn dein Song in irgendeiner Soap im Hintergrund läuft. Die GEMA-Mitgliedschaft lohnt sich immer, wenn man kommerziell Musik vermarktet.

Fazit

Ganz ehrlich: Spotify ist der Marktführer und Spotify ist maßgeblich daran beteiligt, dass kaum noch einer Raubkopien von Musik macht. Und du verdienst an jedem Stream auf jeden Fall mehr, als an einem gewareztem illegalen Download, auch wenn das nicht wirklich viel zu sein scheint. Die Cellistin Zoë Keating hat zum Beispiel ihre Einnahmen aus 2017 mal als übersichtliche Excel-Tabelle veröffentlicht. Offensichtlich lohnt sich das also doch irgendwie.

Weitere Informationen findest du auch bei Delamar - Musify your Life

Photo by [Mufid Majnun](https://unsplash.com/@mufidpwt?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText) on [Unsplash](https://unsplash.com/s/photos/money?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText)

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Tags: musikindustrie spotify
Kategorie: Musikindustrie
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