Linux ist der einzige Weg - Warum mein Windows-Experiment scheiterte
Veröffentlicht am 2026-01-06 20:23:31
Im November letzten Jahres tat ich das Unaussprechliche: Ich installierte Windows. Getrieben war diese Entscheidung größtenteils aus Frustration darüber, dass meine geliebten Orchester-Plugins unter Linux schlichtweg den Dienst verweigerten. Eine ungenutzte Windows-11-Lizenz lag noch bereit; warum also nicht den Weg des geringsten Widerstands gehen? Ich verfasste sogar einen Blogpost darüber, quasi als öffentliche Kapitulation vor der Realität.
Das Narrativ ist bekannt: Wer professionell im Tonstudio arbeiten will, kommt an Windows oder macOS angeblich nicht vorbei – zumindest nicht, wenn Industriestandards wie Native Instruments oder Cinesamples auf dem Plan stehen.
Doch nach zwei Monaten Selbstversuch folgt nun die harte Ernüchterung. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Windows 11 ist im direkten Vergleich zu Linux eine technologische Zumutung. Ich weiß, das klingt nach Ragebait, aber lassen Sie mich die Beweisführung antreten.
Die Installation: Ein Geduldsspiel
Eine Windows-11-Installation ist kein Vorgang, den man mal eben nebenbei erledigt. Ich weiß nicht, was Microsoft im Hintergrund treibt, aber der Prozess zieht sich quälend in die Länge, unterbrochen von diversen Neustarts.
Dazu kommt der Zwang: Ohne Microsoft-Konto keine Installation. Mir ist bewusst, dass es Registry-Hacks gibt, um dies zu umgehen. Aber wir betrachten hier die Erfahrung des Durchschnittsnutzers, der einfach nur ein funktionierendes System will. Kein Konto, kein Windows. Punkt.
Nach rund 45 Minuten begrüßte mich das System mit der Aufforderung, das WLAN einzurichten. Kaum war ich online, stellte Windows fest, dass lebenswichtige Updates fehlen. Die Konsequenz: Ich durfte mein neues Betriebssystem nicht erkunden oder Software installieren. Das OS nahm sich erst einmal selbst die Vorfahrt.
Der Update-Blindflug Als Administrator habe ich mir natürlich angesehen, was da eigentlich installiert wird. Die kryptischen Bezeichnungen wie KB471108123xxxx verraten nichts. Keine Treiber-Details, keine Programmnamen – man müsste alles googeln. Im Kleingedruckten fand sich dann der Hinweis auf einen neuen Treiber für meine Intel-WLAN-Karte.
Hier hätten meine Alarmglocken läuten müssen. Meine WLAN-Karte ist nicht mehr taufrisch und berüchtigt dafür, bei falschen Treiberversionen einen Blue Screen of Death (BSOD) auszulösen.
Und genau das geschah. Nach dem Update war der Rechner unbenutzbar. Er hängte sich brutal auf. Fehlerquelle: ndis.sys.
Da ich die Karte im BIOS nicht deaktivieren kann (PCI-Device) und ich nicht unter den Tisch kriechen wollte, um sie physisch zu entfernen, blieb mir nur eine Lösung: Ich habe Windows erneut installiert. Diesmal installierte ich den korrekten Treiber per USB-Stick vor dem ersten Windows-Update. Es folgte der übliche Tanz: Updates, Neustarts, Grafikkartentreiber, Gerätemanager-Checks.
Bevor ich überhaupt an Arbeit denken konnte, musste ich zudem ein "Debloat-Skript" ausführen. Windows 11 wird ab Werk mit Software ausgeliefert, die auf einer Workstation nichts zu suchen hat: OneDrive, Angry Birds, KI-Tools und diverser anderer Ballast mussten weichen.
Erst danach konnte ich Steam, meine DAW (Digital Audio Workstation) und die Plugins installieren. Übrigens: Mein Backup-Konzept hat mich gerettet. Da ich unter Linux eine saubere Datenpflege betrieben hatte, konnte ich den Inhalt meines /home-Verzeichnisses einfach in die "Eigenen Dateien" kopieren. Samples, Projekte, Quellcodes – alles war sofort am richtigen Platz.
Dennoch: Es dauerte einen vollen Tag, bis das System wieder so lief, wie ich es erwartete.
Der Bootvorgang: Warten auf Godot
Beim täglichen Arbeiten fiel mir sofort die Trägheit des Bootvorgangs auf. Ich nutze ein Setup mit zwei Monitoren. Dass der Startvorgang ungewöhnlich lange dauert, erkannte ich daran, dass sich einer der Monitore nach dem Einschalten kurzzeitig wieder in den Standby verabschiedete, bevor er wieder aufwachte.
Nach der PIN-Eingabe am Anmeldebildschirm erschien zwar der Desktop, aber bis das Startmenü tatsächlich reaktionsfreudig war, vergingen weitere fünf Sekunden. Ich weiß nicht, welche Prozesse Windows im Hintergrund priorisiert, aber "schnell" fühlt sich anders an.
Gaming: Müllhalde im Hintergrund
Ich spiele gerne. Steam funktioniert unter Windows prinzipiell genauso gut wie unter Linux. Was ich jedoch verdrängt hatte, war der digitale Müll, der mit modernen Spielen einhergeht.
Launcher hier, Anti-Cheat-Software da, Client dort. Natürlich existieren diese Komponenten auch bei Proton-Games unter Linux, aber unter Windows nisten sie sich im Autostart ein. Wenn ich Tomb Raider spielen will, müssen der Rockstar-Launcher oder EA Origin nicht im Hintergrund laufen. Unter Windows tun sie es standardmäßig trotzdem. Das System müllt sich schleichend zu.
Musikproduktion: Latenz-Frust statt High-Performance
Kommen wir zum Kern des Problems: Der Musikproduktion. Reaper läuft unter Windows optisch identisch zu Linux. Doch die Performance erzählt eine andere Geschichte.
Trotz aller Bemühungen gelang es mir unter Windows nie, Latenzen von unter 5 ms stabil zu erreichen.
- Linux (ALSA): Buffer 128 kb, 48000 Hz, Latenz 3 ms. Keine Buffer-Overruns.
- Windows: Mindestens 10 ms, egal ob mit ASIO oder WASAPI.
Mein Audio-Interface besitzt keinen dedizierten ASIO-Treiber. ASIO4ALL lieferte inakzeptable Latenzen. FreeASIO war besser, aber nicht gut genug. Der Steinberg-ASIO-Treiber bot zwar die besten Werte, versagte aber am nächsten Tag den Dienst komplett.
Hinzu kommt das Dateichaos: Während VST3-Plugins sauber in Program Files\Common\VST3 landen, verteilen sich VST2-Plugins und ältere Formate wie Konfetti auf der Festplatte, wenn man nicht jeden Pfad händisch korrigiert.
Windows Defender nervt
Ich nutze auch Renoise. Der Windows-Defender killt einfach so die Rewire.dll. Er hat auch noch andere DLLs gelöscht, weil die angeblich nicht signiert sind. Das gleiche ist mir auch bei den Reaper-Erweiterungspacks passiert. Ich konnte das nicht umgehen, trotz der Ausnahmen, die ich in der Systemsteuerung hinterlegt habe. Es ist Microsoft völlig egal, dass ich lizenzierte Software installiert habe und die DLLs völlig in Ordnung sind. Das einzige, was geholfen hat, war Windows Defender zu deaktiveren. Windows hasst mich dafür und nervt, dass mein Rechner ohne Schutz da steht, also habe ich Avira installiert, den fand ich damals ™ jedenfalls mal als Virenscanner gut.
Zwischenfazit Windows
Das Betriebssystem ist langsam, bedrängt einen mit Zwangsupdates und Bloatware und jedes Programm wird von irgendwelchen Diensten ausgebremst. Außerdem sieht Windows langweilig aus, für jeden Mist gibt's 3 Optionen, was einzustellen und Treiber installieren ist ja wohl einfach nur albern. Es ist, meiner Meinung nach, die Aufgabe des Betriebssystems, zu funktionieren. Es kann nicht die Aufgabe des Users sein, dass er oder sie sich händisch irgendwelche Treiber aus dem Netz laden muss.
Linux
Ich bin also jetzt wieder bei Linux. EndeavourOS, ein Arch-Derivat. Die Installation war wie folgt:
Linux-Installation
- Live-USB-Stick rein.
- Beim Bootvorgang vom Stick gesagt, dass ich eine Nvidia-Grafikkarte besitze.
- Im Live-Image meine WLAN-Zugangsdaten eingegeben.
- Festlegen, dass bereits bei der Installation alle Updates geladen werden.
Diese Installation hat 5 Minuten gedauert. Der Rechner hat währenddessen keinen Neustart gemacht. Nach dem Ende der Installation hat der Rechner mich gefragt, ob ich neu starten will. Wollte ich.
Linux-Bootvorgang
5 Sekunden nach dem Einschalten begrüßte mich der Anmeldebildschirm. Das Passwort habe ich eingegeben und nach einer weiteren Sekunde war die Taskleiste (ich nutze KDE6) da. Der Rechner war komplett hochgefahren.
Installation meiner benötigten Software
Ich nutze, wie gesagt, Reaper. Die Installation von Reaper und einigen meiner Lieblings-VSTs geschieht über einen Einzeiler.
yay -Syyu reaper vital-synth-clap decent-sampler-bin dragonfly-reverb-clap vaporizer2-vst3
Das war's. Ich habe mit dieser Shell-Zeile einen Sampler, einen geilen Reverb, 2 gute Synths und eben auch die DAW installiert. Installationsdauer: 10 Sekunden.
Nachdem diese Programme alle installiert waren, änderte sich die Bootzeit nicht. Und meine Spiele laufen dank Steam auch alle.
Fazit
Das Experiment "Windows" hat mich eines gelehrt: Standard ist nicht gleichbedeutend mit Qualität.
Ja, ich habe unter Linux keinen nativen Zugriff auf jede einzelne Library von Native Instruments. Aber was nützt mir theoretische Kompatibilität, wenn die praktische Arbeit zur Qual wird? Unter Windows kämpfe ich gegen das Betriebssystem: gegen Latenzen, gegen Zwangsupdates, gegen Defender-Willkür und gegen eine Architektur, die meine Zeit nicht respektiert.
Unter Linux ist das Betriebssystem wieder das, was es sein sollte: Ein unsichtbares Fundament. Es ist ein Werkzeug, das mir nicht im Weg steht, sondern mir den Rücken freihält. Die Installation meiner Tools dauerte Sekunden, nicht Stunden. Der Bootvorgang ist ein Wimpernschlag.
Ich verzichte lieber auf ein paar "Industrie-Standard"-Plugins und nutze stattdessen Alternativen wie Vital oder Decent Sampler auf einem System, das stabil bei 3 ms Latenz läuft, als mich noch einen Tag länger von meinem Computer bevormunden zu lassen. Linux ist vielleicht nicht der Weg des geringsten Widerstands, aber für mich ist es der einzige Weg, um vernünftig zu arbeiten.