Stelle dir folgenden Typen vor: Er sitzt in einem schicken Coworking-Space, trägt beige Jogging-Jeans, ein schickes Poloshirt und natürlich eine Beaniemütze. Er ist im "Vibe-Flow" und erzählt seinem Rechner mit dem abgebissenen Apfel obendrauf, dass er jetzt die App baut, die Social Media revolutionieren wird. Dabei schlürft er seinen Iced Matcha, und ein angebissenes Tofu-Lauchzwiebel-Fladenbrotviertel liegt auf dem Glastisch. Cursor und Claude produzieren hunderttausende von Codezeilen, und mit jeder weiteren Zeile Spaghetticode wird das Grinsen des bebrillten 25-Jährigen, der sich schon in der Tradition der Bills, Elons und Steves als kommenden Milliardär sieht, immer breiter. "Diese App wird die Welt erschüttern und mich aufgrund geringer Investitionen und einem hohen ROI steinreich machen."
"Klack, klackediklack, Rumms, klack, klack, klack. RUMMS." Marcel sitzt ohne Licht vor seinen Monitoren – wobei "sitzen" übertrieben ist: Er hängt in den Seilen. Es sind Krümel vom Snickers auf seinem "There's no place like ~"-T-Shirt. Er hört seine ohrenbetäubende Tastatur gar nicht; eine Mischung aus Slayer, Hans Zimmer und Korn ballert in voller Lautstärke auf seine Ohren. Dunkelgraue Schrift auf einem noch dunkelgraueren Hintergrund. Er zähmt seinen Rechner, zwingt ihm seinen Willen auf. Er ist Gott. Eine Fehlermeldung. Ein Grinsen. So ähnlich wie in einem Mexican Standoff. Der Bug schaut ängstlich, der Coder visiert ihn an und tötet ihn. Nicht ohne Reue – der Fehler war eigentlich ziemlich cool und wird im Hinterkopf behalten. Geiler Nebeneffekt.
"Das hier ist mein PC. Mein Reich. Mein Toaster auf Steroiden", denkt Marcel, denn sein PC ist mühevoll von Hand zusammengeklöppelt worden. Das Netzteil hat exakt die richtige Leistung für die Grafikkarte, die perfekt zur CPU passt. Selbst die RAM-Bausteine sind peinlich genau ausgesucht worden, damit natürlich alles mit Linux läuft. Denn Linux, das weiß Marcel, ist sein Betriebssystem. Es ist angepasst, mit eigenem Fenstermanager, optimiert und in großen Teilen sogar selbst kompiliert. Der Rechner wäre eigentlich veraltet, aber darüber lacht Marcel nur. Während die Windows-User über "Optimierungsmaßnahmen" lesen, ist hier schon die Basis solide. "Mein PC ist mein Reich. Ich weiß, was passiert und wann es passiert."
Closed Source ist eine Diktatur. "Warum muss ein Konzern wissen, wann ich seine IDE starte?", fragt sich Marcel nicht zum ersten Mal. Aber zum letzten Mal, denn anstelle von VS Code läuft nun VSCodium. Keine Telemetrie. Kein Datenstaubsauger. Kein DRM. Die Cloud nutzt er schon lange nicht mehr, denn seine Daten gehören nicht auf den Computer von jemand anderem. Über die Anzugträger aus dem Silicon Valley kann er nur noch weinen. Die idealistischen Nerds, mit denen man sich damals im Usenet noch austauschen konnte, haben den Exit gemacht, und stattdessen sitzen da jetzt immer dieselben fünf Typen: Peter Thiel, David Sacks, Marc Andreessen, Larry Ellison und Mark Zuckerberg. Und dann noch diese Grinsebacke Sam Altman.
Den einen kennt man, weil er widerrechtlich Fotos von Studentinnen genommen hat, damit man sie bewerten durfte. Der andere hat Allmachtsphantasien und nennt sein Produkt "Palantir", wie das übelste Spionagewerkzeug von Sauron höchstpersönlich. Der dritte hat irgendwann mal gemerkt, dass die Leute seine Programmiersprache nutzen, und völlig bescheuerte Lizenzmodelle erdacht.
Marcel, der freundliche Nerd, interessiert sich nicht wirklich dafür. Es gibt keine Schnittmenge zwischen diesen Teufeln und echten Entwicklern. Er schaut sich seine Sammlung von Nintendo-Tassen, Herr-der-Ringe-Devotionalien und seine DSA-Würfelsammlung an. Im Kopf ist er schon wieder beim Schlammbaden in Wacken.
Zurück zum hippen Coworking-Space: David fummelt an seiner LinkedIn-Biografie rum. Seine App läuft im Happy Path super. Die LinkedIn-Biografie muss überarbeitet werden: 10x Prompt Engineer | Building the Future of B2B SaaS | Digital Nomad (Next Year in Bali).
Er kennt Marcel. Den Typen, der totmüde zum PC schlappt und sich stundenlang an einer lächerlichen Sortierfunktion abkämpft.
David ist schon seit 5 Uhr wach, hat Oatmeal gegessen, drei Podcasts zum Thema "Lifestyle" in 3-facher Geschwindigkeit gehört und eisgebadet. Sein GPT-Wrapper schreibt dezentrale Notion-Workspaces, und er hat allein am Mittwoch drei Talks zum Thema Employee Optimization. Klingt halt besser als "Frontend-Entwickler feuern". Erst München, dann Berlin, dann Paris.
Davids Rechner ist ein M4 Pro von Apple mit 128 GB RAM, damit die 64 Chrome-Tabs auch stabil laufen. Cursor, Perplexity und Gemini laufen natürlich alle im Bezahlmodell. Allein während der 250 Liegestütze heute Morgen hat David schon 900 Euro ausgegeben. Per WhatsApp kriegt er gleich seine zehn abgeschlossenen Kundenprojekte. Das letzte Projekt lief nicht richtig. Er bat Gemini dann, "es doch mal zu fühlen".