Wir alle wissen, dass Linux mittlerweile auf allen möglichen Geräten läuft, die nicht als PC oder Smartphone bezeichnet werden. Dein Router läuft vermutlich unter Linux, selbst dein Staubsauger oder eben auch der vollautomatische Koch-Automat laufen wahrscheinlich mit Linux als Betriebssystem. Das ist weit weg von dem, was ein PC macht. Die Dinger haben zwar auch Internetzugang, aber welche Seiten aufgerufen werden, liegt normalerweise in der Verantwortung des jeweiligen Nutzers.
In Kalifornien gibt's nun den Vorstoß, dass eine Altersverifikation auf Betriebssystem-Ebene stattfinden soll. Meine erste Reaktion dazu war übrigens:
Mein Toaster weiß nicht, wie alt ich bin, warum sollte mein anderes, elektrisches Gerät sich dafür interessieren
Tja, einfachste Logik, aber eben für Politiker überhaupt nicht nachvollziehbar.
Die anderen spionieren dich aus, Linux will dich beschützen
Nehmen wir mal an, dass ein Windows-PC oder ein Mac diese Überprüfung nun standardmässig hinterlegen. Du installierst dein Betriebssystem, oder aber dein PC wurde schon vorinstalliert ausgeliefert und beim Einschalten will Microsoft, Apple, Google oder sonst wer ein Benutzerkonto haben. Das haben wir bei kommerziellen Betriebssystemen schon, das wäre nichts neues. Oben genannte Firmen erstellen anhand deines Accounts mindestens personalisierte Werbung und/oder speichern in deren jeweiliger Cloud deine privatesten Dateien. (Google Drive, Apple Cloud, Sharepoint)
Linux hingegen weiß nicht, wer du bist. Du legst zwar ein Benutzerkonto an, aber das gehört allein dir und liegt allein auf deinem Computer. Der Sinn dieses Linux-Benutzerkontos ist einfach nur, dass du nicht alles als Root machst. Dein Linux schützt dich davor, willkürlich aus versehen irgendwelche Daten zu löschen.
Firma vs Open Source
Angenommen, diese Verifikation müsste unter Linux umgesetzt werden: Da gibt es gleich mehrere Probleme.
- Linux ist kein Unternehmen: Wie immer wieder betont wird, gibt es unter Linux hunderte verschiedener Distributionen. Die basieren teilweise aufeinander, teilweise sind's komplett verschiedene Ansätze, es gibt sogar eine Dunkelziffer von spezialisierten Distributionen, von denen noch nie einer gehört hat.
- Selbst wenn ein kommerzielles Unternehmen, wie Canonical (Ubuntu) gezwungen würde, diesen Alterscheck einzuführen, dann gehen die User halt zu einer der 300 anderen bekannten Distributionen
- Debian ist nicht mal eine Firma. Es gibt zwar eine gemeinnützige Dachorganisation, aber die Entwickler von Linux sind programmierende Idealisten, die in den meisten Fällen nicht mal aus den USA kommen und für die dieses Gesetz eh nicht gültig wäre.
GPL
Die GNU General Public License (kurz GNU GPL oder GPL; aus dem Englischen wörtlich für allgemeine Veröffentlichungserlaubnis oder -genehmigung) ist eine Softwarelizenz, die dem Nutzer gewährt, die Software auszuführen, zu studieren, zu ändern und zu verbreiten (kopieren). Software, die diese Freiheitsrechte gewährt, wird Freie Software genannt; und wenn die Software einem Copyleft unterliegt, so müssen diese Rechte bei Weitergabe (mit oder ohne Software-Änderung, -Erweiterung, oder Softwareteile-Wiederverwendung) beibehalten werden. Bei der GPL ist beides der Fall.
Die GPL besagt ganz klar (in Version 2 und 3), dass man bei der Weitergabe der Software keine weiteren Einschränkungen hinzufügen darf. Wenn ein Distributor (wie Debian oder Ubuntu) durch ein Gesetz gezwungen würde, eine Art DRM (Digital Rights Management) als Alterskontrolle einzubauen, würden sie damit eine Restriktion hinzufügen. Die absurde Konsequenz: Sie dürften den Linux-Kernel streng genommen gar nicht mehr legal verbreiten, weil sie durch den Einbau der Kontrolle die Lizenz des Kernels verletzen würden.
Linux ist zu großen Teilen mit dem gcc-Compiler umgesetzt. Da Linux in C/C++ geschrieben wurde, verlässt sich die Community auf einen freien, überall nutzbaren Compiler. Dieser steht unter der GPL. Eine Altersverifikation würde verhindern, dass der Grundpfeiler von Linux, der Compiler, überhaupt dabei ist.
Freie Software fragt nicht nach dem Ausweis. Wer einen Altersverifikations-Zwang in Linux fordert, hat weder die GPL-Lizenz noch das Grundprinzip des Internets verstanden.
Praktischer Vorschlag
Angenommen, die EU (die den Quatsch auch plant) oder eben Kalifornien, wollen partout von diesem Blödsinn nicht abrücken: Ich habe einen Vorschlag für euch. Wenn es euch wirklich um den Jugendschutz geht, dann bietet auf breiter Front Medienkompetenzseminare an. Zeigt den Eltern, was die Kinder theoretisch im Netz finden können und wie sie damit umgehen sollen. Es ist nicht die Aufgabe meines Autos, zu bestimmen, ob ich losfahren darf und es ist definitiv nicht die Aufgabe meines PCs, mir vorzuschreiben, was ich im Internet sehe oder nicht sehe.