Musikproduktion mit Linux – wirklich alles, was du wissen musst

  • I. Einleitung
    • A. Hintergrundinformationen zu Linux
    • B. Vorteile der Verwendung von Linux für die Musikproduktion
  • II. Einrichten einer Linux-Umgebung für die Musikproduktion
    • A. Auswahl der richtigen Linux-Distribution
    • B. Installieren von Audiosoftware und Plugins
    • C. Konfigurieren von Audio-Hardware und Einstellungen
  • III. Verwendung von Linux für digitale Audio-Workstations (DAWs)
    • A. Überblick über gängige Linux-DAWs
    • B. Tipps für den effektiven Einsatz von Linux-DAWs
  • IV. Aufnahme und Bearbeitung von Audio unter Linux
    • A. Einrichten eines Tonstudios mit Linux
    • B. Aufnahme- und Bearbeitungstechniken speziell für Linux
    • C. Fehlersuche bei allgemeinen Problemen
  • V. Fazit

Einleitung

Hintergrundinformationen zu Linux

Linux ist ein freies Betriebssystem, das von Linus Torvalds entwickelt wurde. Er veröffentlichte den Quellcode und erlaubte es so, dass jeder fähige Programmierer zu diesem Betriebssystem Dinge beitragen konnte. Linux hat ziemlich viel Ähnlichkeiten mit UNIX, einem Serverbetriebssystem und tatsächlich liegt auch heute noch der Schwerpunkt von Linux im Servermarkt. Auf Smartphones, Bluray-Playern und Minicomputern hat sich Linux mittlerweile auch etabliert. Auf dem Desktop des Endanwenders tut sich Linux noch immer ein wenig schwer. Das liegt aber weniger am Betriebssystem selbst, sondern unter anderem auch an der mangelnden Unterstützung des Betriebssystemes durch Drittanbietersoftware. Dazu gehört leider eben auch fast alles, was mit Musikproduktion zu tun hat.

Vorteile der Verwendung für Linux für die Musikproduktion

Linux gilt allgemein als sehr stabil. Außerdem benötigt Linux wesentlich weniger Systemressourcen als MacOS oder Windows. Das ist ja auch der Grund, warum Linux auf Kleinstrechnern, wie den Raspberry PI zum Einsatz kommt. Dabei hat man die Möglichkeit, den Kern des Betriebssystemes an eigene Bedürfnisse anzupassen. Es gibt spezielle Distributionen für die Musikproduktion. Also im Ernst, es gibt quasi ein Betriebssystem, das exakt so konfiguriert wurde, dass man damit perfekt Musik machen kann. Weil der Kern mit Echtzeitberechnungen arbeitet oder Treiber für Audio-Interfaces so vorkonfiguriert sind, dass sie eine bessere Performance erreichen, als jemals unter Windows oder Mac.

Einrichten einer Linux-Umgebung für die Musikproduktion

Auswahl der richtigen Linux-Distribution

Zuerst mal gibt es keine „richtige Linux-Distribution“ und damit gibt es auch keine „falsche Linux-Distribution“. Es gibt Distributionen, die sich speziell an Medienkünstler und damit eben auch Musiker wenden. Es gibt Distributionen für Gamer und Distributionen für Serveradministratoren. Sich da eine auszusuchen, kann schon Monate dauern. Aber prinzipiell kann jede Linuxdistribution zur Musikproduktion genutzt werden. Ich kann hier nur eine Distribution vorschlagen, die ich persönlich gerne nutze: UBUNTU.

Ubuntu ist nicht die schnellste oder beste Distribution der Welt. Aber für Ubuntu spricht eine sehr große Community und damit ein gigantischer Pool an Informationen, was man machen muss, wenn irgendwas nicht klappt. Die Tatsache, dass Ubuntu auch kommerzielle (closed source) Programme beinhaltet, widerspricht zwar der Opensource-Philosophie, aber manchmal sind proprietäre Programme schlicht und einfach besser. Das gilt insbesondere für Treiber. Daher schlage ich fast immer Ubuntu vor. Das Ding funktioniert out-of-the-box, es sind jede Menge guter Programme vorinstalliert und es ist vergleichsweise einfach zu benutzen.

Installieren von Audiosoftware und Plugins

Die Installation von Ubuntu selbst kann man mit folgenden Schritten beschreiben: Ubuntu-ISO herunterladen, mit rufus einen bootfähigen Stick erstellen, Ubuntu von dem Stick aus installieren und fertig. Die Installation von Software macht man entweder über den Menüpunkt „Software“ unter Ubuntu oder du installierst die benötigten Programme aus dem Terminal heraus. In den Software-Repositories (Quellen) gibt es bereits alle möglichen Programme, die du brauchst.

Wie gesagt: VSTs sind oft Windows-Programme. Die Installation von wine ist also Pflicht.

sudo apt install wine

Wenn du KXStudio installierst, kannst du Carla installieren. Carla ist ein Plugin-Host, der es ermöglicht, viele Windows-VST-Plugins zu installieren. Einen sehr guten Artikel über Carla / KXStudio findest du zum Beispiel hier: VST unter Linux benutzen. In dem Artikel habe ich „Yabridge“ leider noch nicht erwähnt. Eine gute Möglichkeit, Windows VST unter Linux zu nutzen, ist yabridge aber auf jedenfall. Es empfiehlt sich, grundsätzliche Tutorials zum Thema „Software unter Linux installieren“ zu lesen. Ich beschreibe unten gleich noch einige Programme im Detail.

Konfigurieren von Audio-Hardware und Einstellungen

Das schönste an Linux ist die extrem gute Hardware-Unterstützung. Audiointerfaces laufen in der Regel absolut problemlos. Ich hab USB-Soundkarten von Creative problemlos anstecken können und dann liefen die auch. Auch Geräte von Focusrite oder Behringer habe ich schon genutzt, also wirklich viel Konfiguration ist nicht dabei. Das Audiointerface oder die Soundkarte wird in der Regel sofort erkannt und alle Features funktionieren. Offiziell sagt Focusrite übrigens „Nein„, aber es funktioniert wirklich gut.

Wichtig ist, dass du dir Jack installierst. Jack ist für Linux im Grunde das, was ASIO für Windows ist. Nur besser. Weil es mehr kann und tatsächlich eine wesentlich bessere Performance hat. Die Installation von Jack funktioniert unter Ubuntu so:

sudo apt install qjackctl

Die Konfiguration von Jack kann kompliziert sein, aber für unsere Zwecke reichen erst mal die Default-Einstellungen. Jack muss halt installiert sein, weil die Latenzzeiten ohne Jack echt schon kriminell langsam sein können. Wesentlich smoother lässt sich Jack allerdings über Cadence nutzen. Auch hier gilt, das KXStudio ist dein bester Freund.

sudo apt install cadence

Die detaillierte Konfiguration hat Claudius hier schon niedergeschrieben: Jack + Audiointerface richtig konfigurieren

Verwendung von Linux für digitale Audio-Workstations (DAWs)

Überblick über gängige Linux-DAWs

Es gibt Cubase nicht für Linux. Auch FLStudio gibt es nicht für Linux. Ableton Live gibt’s auch nicht für Linux. Damit sind 3 DAWs schon mal raus. Zumindest theoretisch. Praktisch läuft Ableton Live aber tatsächlich ziemlich gut unter Linux in Kombination mit wine und wineasio. Logic Pro gibt es nur für Apple, also gucken wir mal nach DAWs, die nativ für Linux erschaffen wurden.

Reaper

Reaper

Reaper ist proprietäre, kostenpflichtige Software. Diese DAW stammt von den ehemaligen Winamp-Machern. Reaper zeichnet sich durch sehr hohe Stabilität und jede Menge geiler Features aus. Leider zeichnet sich Reaper auch durch eine vergleichsweise hohe Lernkurve aus, wenn man vorher mit anderen DAWs gearbeitet hat. Da in Reaper sehr viele Features versteckt sind und Reaper komplett angepasst werden kann, hat man die Herausforderung, sich durch die ganzen Optionen erst einmal durch zu ackern. Ich persönlich liebe Reaper. In Kombination mit MIDI ist es unfassbar schön. Aber ich habe den Hype auch erst nicht verstanden. Reaper läuft ohne Einschränkungen als Shareware. Aber für knapp 70 Euro kann man sich dieses vorzügliche Programm auch ruhig kaufen.

Renoise

Renoise ist auch Shareware, kostet dasselbe wie Reaper und ist ein Tracker. Wenn du auf dem Amiga Musik gemacht hast, kennst du vielleicht Protracker oder Octamed Professional. Renoise ist als Tracker ein wenig anders aufgebaut, als man das von Cubase,Reaper oder überhaupt vielen anderes DAWs kennt. Das macht Renoise nicht schlechter, diese Art Musik zu produzieren gibt dir unfassbare Kontrolle über jede einzelne Note, jedes Midi-Event und jeden Sample. Tatsächlich wage ich zu behaupten, dass in Renoise einer der mächtigsten Sampler eingebaut wurde, die es gibt. Renoise ist proprietär. WAV-Export von Musik geht nicht, wenn du die Software nicht kaufst.

Renoise

BITWIG

Bitwig

Bitwig ist von einigen der Macher von Ableton Live. Wer sich mit Live auskennt, hat wenig Probleme, auf Bitwig umzusteigen. Es läuft nativ unter Linux. Es gibt bei so mancher Hardware eine 8-Spur-Version von Bitwig kostenlos dazu. Mit der konnte ich meine Erfahrungen machen. Ich mag Bitwig sehr gern, mir persönlich ist es aber zu teuer, da ich mit Renoise und Reaper schon wunschlos glücklich bin. Grundsätzlich spreche ich aber eine Empfehlung aus. Eine „professionellere“ DAW wirst du für Linux kaum finden. Gerade auch, weil dieses kleine Team den Mut aufbringt, Linux sauber zu supporten, finde ich Bitwig großartig.

Opensource DAWs

Linux ist ein Opensource-System, es gibt also auch Opensource-Alternativen als DAW. Bis vor ein paar Jahren waren diese DAWs auch von eher schwieriger Qualität. Linux kommt ursprünglich aus dem Bereich Serveradministration/Programmierung. Daher waren die ersten DAWs auch extrem technisch und richteten sich nicht an kreative Musiker. Das hat sich geändert und einige dieser DAWs stelle ich nun vor.

Ardour

Ardour ist unfassbar geil und eine der umfangreichstens DAWs der Welt. Audiobearbeitung, MIDI, VSTs, LV2 und auch z.b. die Vertonung von Videos ist mit Ardour überhaupt kein Problem. Ardour ist echte Open Source und kann kostenlos gezogen werden, wenn du es selbst kompilieren möchtest. Du kannst allerdings auch fertige Binaries herunterladen. Dies setzt aber eine Zahlung voraus. Vorgeschlagen werden $30, es geht auch mehr. Und auch weniger. Du musst es halt mit deinem Gewissen vereinbaren, denn mit Ardour bekommt man eine extrem hochwertige DAW, die optisch ein wenig schwierig aussieht, aber eigentlich keine Wünsche offen lässt. Ardour läuft auch unter Windows und MacOs. Hier sogar auch auf dem M1-Chipsatz.

Ardour

LMMS

LMMS

LMMS sieht ein bisschen aus, wie FLStudio und historisch ist LMMS auch basierend auf „Fruity Loops“ aufgebaut worden. Damals lief die DAW eher unstabil, aber mittlerweile ist LMMS eine richtig gute DAW geworden. Audiobearbeitung und MIDI mit Plugins ist überhaupt kein Problem. Es gibt hier auch ein paar sehr gute integrierte Synthesizer und Drumsounds. Ich mag LMMS sehr und es kann kostenlos heruntergeladen werden.

Rosegarden

Rosegarden ist ein reiner Sequencer. Ich würde total gerne mehr über dieses Programm schreiben, aber ich muss zugeben, dass ich mich nicht umfangreich damit beschäftigt habe. Sorry.

Rosegarden

Tipps für den effektiven Einsatz von Linux-DAWs

Der wichtigste Tipp für angehende Produzenten mit Linux ist es, sich Accounts für die Foren/Communities dieser DAWs anzulegen. Tatsache ist nun mal, dass du spezielle Software für spezielle Aufgaben benutzen willst und in der Regel bist du als Linux-Musikproduzent alleine. Deine Freundebubble wird in der Regel Beats unter Windows/Mac produzieren, daher kannst du oft dort gar nicht fragen. Wenn es darum geht, Routings in Cadence einzustellen, wird dir keiner helfen können, außer das entsprechende Forum. Du wirst dadurch aber technisch wesentlich besser. Vorausgesetzt, du greifst die Lernkurve an, hast du eine stabile DAW in einem noch stabileren Betriebssystem.

Einige kleine Tipps dennoch: Vergiss nie, dass Linux sich in jedwede Art umkonfigurieren lässt. Ein Rechner, der ausschließlich zum Musikmachen genutzt wird, braucht vielleicht gar nicht KDE oder Gnome als Benutzeroberfläche, sondern etwas kleines, wie XFCE. Diese UIs sind vielleicht nicht so hübsch, aber dafür sparst du jede Menge Prozessorzeit.

Probiere auch mal aus, ob es sich lohnt einen Realtime-Kernel zu installieren. Oft kann man noch ein wenig Latenzzeit verringern.

Aufnahme und Bearbeitung von Audio unter Linux

Einrichten eines Tonstudios mit Linux

Im Grunde genommen unterscheidet sich die Einrichtung des Tonstudios überhaupt nicht von der Einrichtung bei jedem anderen Betriebssystems. Du brauchst ein brauchbares Audio-Interface, ein paar Mikrofone, ein Midi-Masterkeyboard und evtl. sehr gute Kopfhörer und Monitorlautsprecher. Dein PC sollte ein halbwegs akueller Computer sein und du solltest dich ein wenig mit Raumakustik auseinandersetzen. Allerdings kannst du auch einfach ein kleines Masterkeyboard (LPK25), ein paar Kopfhörer und einen einfachen Laptop benutzen.

Aufnahme- und Bearbeitungstechniken speziell für Linux

In der Regel lassen sich alle DAWs oder Sampling-Programme genau so bedienen, wie man das unter Windows gewohnt ist. Wenn Jack vernünftig konfiguriert ist, wird das MIDI-Keyboard sofort in der DAW erkannt. Das gleiche gilt für das Audiointerface oder sogar das 5-Euro-Wish-USB-Mikrofon. Ich hatte bisher nie Probleme, das jeweilige Eingabegerät in Linux zu definieren, egal ob Midikeyboard oder analoges Recording.

Um eigene Samples zu erstellen, kannst du dir auch Audacity installieren.

Fehlersuche bei allgemeinen Problemen

Allgemeine Probleme unter Linuxaudio lassen sich mit wenigen Handgriffen lösen. Ob Audio grundsätzlich funktioniert, kann man direkt testen, indem man zum Beispiel ein Video unter Youtube anschaut. Hinweis: Sobald JACK läuft, hast du definitiv kein Audio unter Youtube, weil Jack alle Audioressourcen blockiert. Da verhält sich Jack genau wie ASIO.

Falls MIDI nicht geht, kannst du in qjackctl gucken, ob dein Midigerät überhaupt aufgeführt wird. Du kannst dann dein Midi-Gerät per Drag-and-Drop mit deiner DAW verbinden.

FAZIT / DRM / iLOK / Kopierschutz

Musikproduktion unter Linux hat noch immer eine höhere Einstiegshürde als man es unter Windows oder Mac gewohnt ist. In den letzten Jahren hat sich da aber sehr viel getan: Die DAWs sind besser geworden, die Unterstützung für Hardware ist mittlerweile gigantisch und die Communities sind viel, viel größer geworden. Das alles in Kombination sorgt dafür, dass Linux im Tonstudio mittlerweile eine echte Alternative geworden ist.

Noch ein Problem ist tatsächlich die Paranoia von Softwareherstellern. Jeder, der Raubkopien bestimmter Plugins haben möchte, bringt die kriminelle Energie auf, sich solche Dinger zu besorgen. Der Kopierschutz solcher Programme ist bei Raubkopien weg. Wenn du legal die Software kaufst, hast du bei VSTs gar nicht das Problem, die unter Linux mit Wine zum Laufen zu bringen. Das Problem ist eher, dass ein virtuelles Anti-Raubkopier-Dongle deine Pläne durchkreuzt. Hier müssen die Softwarehersteller noch nachziehen. Dieses eigene Rechtemanagement der Programme sorgt dafür, dass man unter Linux bei bestimmten Plugins nur kotzen will.

Davon abgesehen gibt’s natürlich richtig viele, sehr guter Plugins. Ich kann dir da nur viel Spaß wünschen.

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